Kolumne. Die Welt aus Netz und Papier.


Ausgabe 3)    Weiters im Archiv:  1)  2)  4)  5)  6)  7)   Zur aktuellen Kolumne

Wahrheit und Wirklichkeit


Als ich vor beinahe 17 Jahren mein erstes Layout-Programm lernte und neben dem Studium einen für damalige Verhältnisse wirklich tollen Job annahm, war ich mächtig stolz. (Meine Güte, so lange ist das her! Man könnte meinen, ich bin alt, aber ich bin nur schon sehr lange jung.)
Jedenfalls erzählte ich meinen Verwandten, dass ich jetzt Zeitungsgestaltung mache. Sie sahen mich mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis an. "Du schreibst für eine Zeitung, willst Du sagen." Gut, ich wusste vorher auch nicht, dass für die Gestaltung echte Menschen arbeiten, zum Teil sehr gut bezahlte sogar.
Inzwischen ist mir klar, warum mir manche Schulbücher ein Gräuel waren. Es war das Layout, lieblos hingeworfene Bilder, unlesbare Schrift, winzige Zeilenabstände.
Solchen Seiten glaube ich gar nix.
Es ist doch ein Unterschied, ob Sie der Rede einer gut angezogenen Person in einem Festsaal folgen oder dieselbe Person anderntags im Jogginganzug auf einer Parkbank dasselbe vorträgt. Und dann fängt es womöglich auch noch zu nieseln an!
Einer guten Verpackung traut man einen höheren Wahrheitsgehalt zu, sie verändert somit die Wirklichkeit. Behaupte ich mal.
Dazu fällt mir die Geschichte von der Travestie-Show beim Eferdinger Stadtfest anno 1983 ein. Eferding: zweitälteste Stadt Österreichs, den Stadtplatz zieren pastellfarbene Fassaden wie in einem Potemkinschen Dorf. Am Festplatz besteht die Wirklichkeit aus Bier und gegrillten Hendln.
Die Ankündigung der Travestie-Show war eine Sensation, und schließlich stand sie auf der Bühne. Wirklich. Sie, Madame Jaqueline, ein herrliches Dekolleté ("Ist das echt!?"), lange Wimpern und Beine, High Heels, sie hatte sofort alle im Bann.
"Neulich habe ich als Kummerkastentante in einer Zeitung gearbeitet", erzählte sie, "da kam eine Anfrage: Madame Jaqueline, stimmt es, dass man sich im Ausland auf öffentlichen Toiletten Geschlechtskrankheiten holen kann?" Stille im Publikum.
„Natürlich stimmt das, habe ich geschrieben, aber warum denn so umständlich?"
So, wie Madame Jacqueline verpackt war, hätte man ihr alles geglaubt.

Zurück