Kolumne. Die Welt aus Netz und Papier.


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Der Irokese


Als ich letztens beim türkischen Friseur saß und darauf wartete, dass er meinen Buben in einen Irokesen verwandelt, fiel mir ein Fachblatt der österreichischen Friseure in die Hände.
"Das nenn ich gelungene Integration", dachte ich, "viele anschauliche Fotos und viel Text, alles auf Deutsch – und liegt beim Türken auf." Dass Deutsch eine schwere Sprache ist, wurde mir wenige Seiten später klar, als eine Fachfrau zum Thema "Pflegeprodukte und deren Anpreisung" Tipps preisgab.
Während mir langsam aufging, vor welchem Hintergrund mir die Lehrmädchen immer Lippenstift und Shampoo zeigen (und woher dieses seltsame Lächeln rührt), staunte ich zunehmend über die Zeichensetzung im Aufsatz.
Wo man überall einen Beistrich hinsetzen kann und ihn dafür woanders weglassen.
"Der arme Türke", dache ich, "der muss glauben, das gehört so."
Da fiel mir die Geschichte vom Karl Kraus ein, der angeblich einmal eine Zeitung geklagt hat, die beim Abdruck eines seiner Texte einen Beistrich falsch gesetzt hatte. Kurz sah ich mich im Gerichtssaal der Fachfrau gegenüber, das verflüchtigte sich jedoch gleich wieder.
Nach wie vor weilte ich im türkischen Salon und entdeckte im Fachblatt weiter hinten einen Artikel über Marketing für den Friseur.
Da war die Rede von Visionen und Plänen für die Zukunft, von Konkurrenzbeobachtung und Lernen aus Fehlern.
"Super, endlich!" dachte ich bei mir, als er zum Thema "Events im Salon" kam. Von Vernissagen und kleinen Buffets sprach der Autor, vom Adressen-Sammeln und von Geburtstagskarten.
Dem kann ich nur eines hinzufügen: Die Website des Friseurs resp. der Friseurin. Mit der Frisur des Monats (Irokese im November?), dem Produkt des Monats, Worten von zufriedenen Kundinnen und so weiter.
Mir wäre noch einiges eingefallen, aber dann war mein Bub fertig. Ein waschechter Irokese.
Der Türke kann das.

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